21.05.2026

„It’s okay to be multi-potent“

Anna Müller über externe Nachfolge, Sichtbarkeit mit Haltung – und warum sie nicht in eine Schublade passt.

Anna Müller ist externe Nachfolgerin der EGGERT Group – und damit ein Best-Practice-Beispiel für eine Nachfolgeform, die in Deutschland noch zu selten gedacht wird. Bevor sie 2025 die Geschäftsführung übernahm, hatte sie eine Agentur in Köln aufgebaut, ein Impact-Startup mit ihrer Schwester gegründet und gelernt, was es bedeutet, in der Öffentlichkeit zu stehen – auch wenn es mal unbequem wird. Im Gespräch erzählt sie, wie Sichtbarkeit und Nachfolge zusammenhängen, warum offene Kommunikation entscheidet – und was andere Nachfolgerinnen von ihrem Weg lernen können.

 

WORT+MARKE: Anna, was bedeutet Sichtbarkeit für dich persönlich?

Anna Müller: Für mich bedeutet Sichtbarkeit vor allem, im besten Falle andere begeistern und inspirieren zu können – mit den Themen, für die ich selbst brenne. Wirklich das nach außen zu tragen, was mein Anliegen ist. Und natürlich gibt es dabei immer beide Dimensionen: die Sichtbarkeit nach außen und die nach innen. Beides ist wichtig, beides ist ein konstanter Prozess.

 

WORT+MARKE: Du hast mit in unserem Vorgespräch verraten, dass du lange deine Probleme mit Sichtbarkeit hattest. Was hat sich zu heute verändert?

Anna Müller: Das war tatsächlich schon vor der Nachfolge. Während meines Studiums habe ich mit meiner Schwester ein Impact-Startup im Textilbereich aufgebaut. Als Corona kam, haben wir eine nachhaltige Atemschutzmaske Made in Germany entwickelt – und haben in wenigen Tagen über 400.000 Euro eingesammelt. Das wurde ein riesiges Ding. Über Nacht war ich plötzlich in Interview und bei Formaten wie Taff. Das aber nicht ganz freiwillig, weil ich eigentlich überhaupt nicht gerne im Mittelpunkt stehe.

»Corona war ein Thema, das extrem polarisiert hat. Da gab es auch schon den einen oder anderen kleinen Shitstorm. Und da habe ich sehr früh gelernt, was Sichtbarkeit bedeuten kann – im Guten wie im Schlechten.«

 

Das war eigentlich der Moment, wo ich mir eine bestimmte Einstellung antrainiert habe: Mir geht es um meine Botschaft, meine Ziele. Ich werde es nie allen recht machen können. So: let it be. Und ab da hatte ich keine Probleme mehr, mich öffentlich zu positionieren oder auf LinkedIn zu posten.

 

WORT+MARKE: Was gibst du anderen mit, die sich vor Sichtbarkeit scheuen?

Anna Müller: Ich glaube, wir nehmen uns da viel zu wichtig. Wir sind so verkopft: Wer reagiert wie darauf? Was denkt der? Aber gerade in diesen schnelllebigen Zeiten – wenn wir was zu sagen haben und das ehrlich und authentisch teilen wollen, müssen wir das nicht unbedingt auf die Goldwaage legen.

»Wenn man aus Erfahrung spricht, aus dem Herzen spricht, hat man an der Stelle gewonnen. Ich kann nur ans Herz legen: Bringt eine Bereitschaft zum Ausprobieren mit – und auch ein Mindset, das Fehler erlaubt.«

 

Ich habe zum Beispiel gar keine Ambition, zum LinkedIn-Profi zu werden. Was ich auf LinkedIn gewonnen habe, sind wundervolle Menschen – drei davon sind heute enge Freundinnen – ohne dass das irgendeine Intention war. Das ist für mich das Eigentliche: Verbindungen, von denen man wirklich profitiert. 

Sichtbarkeit ganzheitlich gesehen hat für mich viel mit Vertrauen ins Team, aber auch zu Kunden und Kunden-in-spe zu tun. Wer mich und uns nicht sieht und findet, der sucht sich möglicherweise eine Alternative – und das wäre zu schade. (Anna lacht).

 

WORT+MARKE: Welche Kanäle nutzt du – und warum?

Anna Müller: LinkedIn ist meine Wohlfühlzone. Ich fühle mich mit dem Medium Schrift sehr wohl, ich habe schon als Kind in der Schule Geschichten geschrieben. Kamera, Speaker-Formate – das ist ehrlich gesagt nicht so meins. Auch wenn mir hinterher alle sagen, man hätte nie gemerkt, dass ich aufgeregt war. Davor würde ich immer am liebsten im Erdboden versinken.

Dazu kommt der Podcast, den ich gemeinsam mit Katharina Wäschenbach-Bortfeld mache. Ein Format, das in die Tiefe gehen kann – das bereitet mir Freude. Und analog: Networking-Events, echte Gespräche, Formate, die über das bloße Sichtbarkeit selbst hinausgehen. Dinge wie ein FAZ-Artikel über unsere Nachfolgeerfahrung kommen dann als schöne Begleiterscheinung dazu – aber als Ziel setze ich mir das nicht.

 

WORT+MARKE: Warum ist Sichtbarkeit gerade bei einer Nachfolge besonders wichtig?

Anna Müller: Ich glaube, es gibt wenige Transformationsprozesse, die so anspruchsvoll und komplex sind wie Nachfolge. Du hast einen wahnsinnigen Apparat an Fragen, Themen und Unsicherheiten – für die verschiedensten Anspruchsgruppen im Unternehmen und außerhalb.

»Hinter verschlossenen Türen zu agieren und dann davon auszugehen, dass alle das mitgehen und fertig sind – das glaube ich, ist schwierig. Deswegen haben wir sehr früh angefangen, darüber zu sprechen: Wie kommunizieren wir das?«

 

Sichtbarkeit ist bei Nachfolge super wichtig, aber auch ein sehr delikates Thema. Wir kennen Beispiele, wo die Belegschaft verunsichert wurde oder nicht wusste, was gerade eigentlich Fakt ist. Deswegen: Je frühzeitiger und klarer man kommuniziert, desto besser.


WORT+MARKE: Wie kam es zu der externen Nachfolge bei der EGGERT Group?

Anna Müller: Das war tatsächlich der Zufall – oder das Schicksal, wie auch immer man es framen möchte. Ich war im siebten Jahr meiner Kölner Agentur mit meinen beiden Co-Foundern. Wir hatten sehr viel Change hinter uns, jeder wollte sich neu ausrichten.

Dann habe ich durch Zufall Sven kennengelernt. Wir haben uns im Büro in Düsseldorf hingesetzt, ausgetauscht – und ganz am Ende des ersten Gesprächs erwähnte er, dass er jemanden suche. Schon länger. Das hat mich erst mal überrascht, weil das Thema nicht auf meiner Agenda war.

»Wir haben sehr schnell festgestellt: Mit meiner Kölner Agentur gab es sehr viele Schnittmengen. Und viele Punkte, wo wir sehr komplementär sind – ich bringe genau das mit, was das Unternehmen in dieser Phase braucht.«

 

Dann folgten immer wieder Lunches, Gespräche, One-on-Ones mit dem gesamten Team. Irgendwann haben wir eine Roadmap gemacht: Was schauen wir uns bis dann an? Was brauche ich an Information, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können?

 

WORT+MARKE: Wie verlief der Prozess weiter oder gab es den einen Moment, in dem du wusstest, ich will die Nachfolge antreten?

Anna Müller: Das war ein gradueller Prozess, bei dem ich mehr und mehr Blut geleckt habe. Man muss ehrlich sagen: Es war nicht so, dass ich dort ankam und alles war toll. Wir sind in einer Branche, die nicht einfach ist – Dienstleistungssektor, viele externe Faktoren. Also okay: Baustelle. Aber: Challenge accepted.

Ich war nach meiner Zeit in der Kölner Agentur im Modus, ich habe Lust auf eine echte Herausforderung. Und das Gefühl, dass ich hier wirklich was bewegen kann – das hat mich überzeugt.

 

WORT+MARKE: Was war dein größtes Learning bisher?

Anna Müller: Ganz klar: Leadership-Fragen. Ich habe vorher noch nie mit einem so intergenerationalen Team zusammengearbeitet. In der Agentur war das Maximum Mitte Zwanzig, alles auf einem ähnlichen Level. Jetzt arbeite ich mit absoluten Experten, teilweise seit über 20 Jahren im Unternehmen.

»Wir sind alle sehr verschieden, haben unterschiedliche Stärken, Schwächen, Bedürfnisse. Maßgeschneiderte Ansätze zu entwickeln, bei denen alle mitgehen können – das ist auf jeden Fall eine der größten Herausforderungen.«

 

WORT+MARKE: Was würdest du anderen Nachfolgerinnen mitgeben, die noch zögern – gerade bei einer externen Nachfolge?

Anna Müller: Je mehr du weißt, desto sicherer fühlst du dich in deiner Entscheidung. Deswegen: Schau dir das Unternehmen von innen ganz genau an. Stell alle Fragen, die du hast. Die übergebende Person und der gesamte Prozess schuldet dir das.

»Wenn man von Anfang an offen in der Kommunikation ist und sich traut, alle Fragen zu stellen, dann kann Nachfolge gelingen. Irgendwo hinterm Berg halten – das macht es schwierig.«

 

Und: Vergegenwärtige dir immer, was du mit auf den Tisch bringst. Ich hatte vielleicht weniger Branchenerfahrung als jemand, der schon 20 Jahre im Unternehmen ist. Aber ich bringe genau das mit, was das Unternehmen in dieser Phase braucht. Ein gewisses Selbstbewusstsein darf da zum Beispiel auch mit einhergehen.

Jetzt, gut ein Jahr später, kann ich sagen: Ich bereue es keinesfalls. Im Gegenteil. Es gibt natürlich nach wie vor Herausforderungen und auch mal schwierige Momente. Aber genau da merke ich, dass ich wachse. Und das ist ein schöner Prozess.

Dein Motto

„It’s okay to be multi-potent.“

Wer sich für viele Themen begeistert, passt nicht in eine Schublade – und das ist vollkommen okay. Facettenreichtum ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Probier aus, was sich richtig anfühlt. Und dann geh rein.

 

Weitere spannende Links: 

Anna Müller | LinkedIn

EGGERT GROUP Werbeagentur Düsseldorf

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