„Geh deinen eigenen Weg – in deinen Lieblingsschuhen, auch wenn sie nicht überall bequem sind.“
Julia Hummel über „Product is King“, eine Nachfolge ohne Stichtag und den Mut, eigene Wege zu gehen
Sichtbarkeit? „Das bin ich ja so gar nicht“ war Julia Hummels erster Gedanken bei diesem Interview. Dabei kennt fast jede und jeder die Marken, für die sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater steht: KangaROOS und flip*flop. Letztere ist so bekannt, dass ihr Name längst für eine ganze Schuhgattung steht.
Mit knapp 30 stieg Julia in das Familienunternehmen ein, das ihr Vater in erster Generation aufgebaut hat. Seitdem hat sich viel bewegt: Aus einem Unternehmen, das mit 120 Personen von Design über Produktion bis zur Vermarktung alles selbst machte, ist eine schlanke Markenorganisation mit Lizenzpartnern und zwölf Mitarbeitenden geworden. Und Julia hat jüngst zusätzlich zu ihrer Rolle im Familienunternehmen ein neues Kapitel aufgeschlagen - als Immobilienmaklerin in St. Peter-Ording.
Ein Gespräch über Produkte, die für sich sprechen, über Rollen, die erst wachsen müssen, und darüber, warum Arbeit einfach Freude machen darf.
W+M: Was bedeutet Sichtbarkeit für dich persönlich?
Julia Hummel: Seit ich im Berufsleben bin, ging es für mich bei Sichtbarkeit nie um die eigene Person, sondern immer um die Marke und die Produkte, mit denen ich arbeite. Wenn ich an Sichtbarkeit denke, denke ich an das Produkt, das wir entwickelt und hergestellt haben, und an die Markenbekanntheit, an der wir arbeiten. Bei uns steht immer das Produkt im Mittelpunkt – Product is King, darauf hat sich schon immer alles konzentriert. Erst danach kommt der Content, der sich aus dem Produkt ableitet. Denn ein schlechtes Produkt kann nicht durch guten Content aufgewertet werden. Das funktioniert vielleicht kurzfristig, aber nicht langfristig.
Wenn unser Produkt gesehen wird, strahlt das auf ganz natürliche Art und Weise auch auf die Person dahinter ab. So bin ich, wenn ich selbst als Person sichtbar war, immer über das Produkt oder das Unternehmen dazu gekommen. Und über diese Themen dann auch zu Podcasts, Interviews oder Panel-Anfragen.
„Ein schlechtes Produkt kann nicht durch guten Content aufgewertet werden.“
W+M: Viel Reputation eines Unternehmens entsteht heute über die Menschen an der Spitze. War es für dich und deine Schwester nie ein Thema, euch als Personen stärker sichtbar zu machen?
Julia Hummel: Doch, wir haben natürlich darüber nachgedacht. Wir wissen, dass man das auch anders machen kann. Menschen folgen lieber Personen als Produkten, da bleibt oft direkt mehr hängen, das ist ja das ganze Prinzip von Personal Branding. Ich finde es auch völlig legitim, wenn andere das so machen und für sich nutzen. Aber im Endeffekt liegt es uns einfach nicht. Das muss man irgendwann auch sehen. Man muss wirklich Lust darauf haben, um das authentisch rüberzubringen.
Wir haben unsere Energie deshalb immer lieber in die Marken gesteckt und das auch mit Erfolg. Bei KangaROOS haben wir eine Markenbekanntheit von fast 70 Prozent.
W+M: Bei flip*flop ist euch etwas gelungen, was nur eine Handvoll Marken schafft: Der Name steht für eine ganze Produktgattung, ähnlich wie Tempo oder Nivea. Wie kam es dazu, und was bedeutet das für euch?
Julia Hummel: Wir haben die Marke gar nicht selbst ins Leben gerufen, sondern von jemandem gekauft, der dem Produkt diesen Namen gegeben hat. Damals war das Wort noch nicht wirklich im Sprachgebrauch verankert. Das kam dann immer mehr, natürlich auch vom Produkt getrieben. Heute ist es wahrscheinlich ein bisschen Fluch und Segen zugleich. Wir haben das große Glück, dass jeder das Wort Flipflop kennt. Und die relevanten Personen in unserer Zielgruppe wissen auch, dass es eine Marke ist. Dieser Transfer gelingt, und so hat die Marke ein Standing.
Gleichzeitig müssen wir sehr eindeutig sein und viel dafür tun, dass wir uns als Marke und als „der original Flipflop“ abheben, uns auf dem Level halten und man den Unterschied kennt. Das ist viel Arbeit. Aber es ist auch super: Selbst wer die Marke noch nicht kennt, hat über den Gattungsbegriff sofort einen Bezug. Sie ist nicht fremd.
W+M: Auch wenn du Sichtbarkeit für dich eher zurückhaltend lebst, spürst du trotzdem Effekte deiner eigenen Präsenz?
Julia Hummel: Ja, das habe ich schon gemerkt. Meine Präsenz auf den verschiedenen Kanälen strahlt eine Nahbarkeit und natürlich auch Authentizität für das Unternehmen und unsere Unternehmungen aus. Ich bekomme zum Beispiel wahnsinnig viele Nachrichten über LinkedIn oder Instagram – nicht nur B2B-Anfragen, sondern auch von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Dort in den Dialog zu gehen, ist für mich so etwas wie Micromarketing.
Ich bekomme darüber sehr wertvolles Feedback und auch schon super Ideen. Wir denken mit unseren Marken ja viel in Communities, gerade in der Sneaker-Community. Selbst wenn ich das nur im kleinen Stil mache: Hätte ich es gar nicht, hätten sich bestimmte Dinge nicht ergeben.
W+M: Welcher Kanal liegt dir dabei am meisten?
Julia Hummel: Am wohlsten fühle ich mich auf Instagram. Das ist natürlich auch inszeniert, aber weniger konstruiert als das, was einem auf LinkedIn begegnet. Ich glaube, das passt eher zu meiner Art zu kommunizieren. Und im B2C-Bereich ist Instagram ohnehin der wichtigere Kanal.
W+M: Kommen wir zur Nachfolge. Gab es den einen Moment, in dem du wusstest: Ich will ins Familienunternehmen?
Julia Hummel: Einen bestimmten Zeitpunkt gab es nicht. Es war wirklich ein Weg. Ich glaube, es war die Leidenschaft für die Marken und die Produkte - für das, was ich mitbekommen und aufgesogen habe –, die irgendwann herauskam. Ich war erst in anderen Firmen tätig und wollte bewusst meinen eigenen Weg gehen, auch angetrieben davon, aus der Heimat wegzuwollen, raus in die Welt.
Mit dem Know-how, das ich mir dort angeeignet hatte, aber auch mit Frustrationen in anderen Unternehmen wuchs das Bedürfnis, mich besser entfalten zu können und meine Energie und mein Wissen dort einzubringen, wo es für mich sinnvoll ist. Meine Schwester war kurz vor mir eingestiegen, und ich konnte sehen, was dort möglich ist und mit wie viel Freude sie das macht. So bin ich mit knapp 30 im eigenen Unternehmen gelandet.
„Einen bestimmten Zeitpunkt gab es nicht. Es war wirklich ein Weg.“
W+M: Wie lief der Übergang bei euch ab – klassisch, mit Ausstieg der Elterngeneration?
Julia Hummel: Nein, bei uns ist alles sehr fließend gelaufen. Mein Vater, der das Unternehmen in erster Generation aufgebaut hat, ist nach wie vor dabei und aktiv. Wir haben schon immer zu dritt gearbeitet, und das hat auch immer super funktioniert. Er hat zwar das Bedürfnis abzugeben und kann das auch sehr gut, aber er hat nie gesagt: Ich will dann und dann raus sein. Die Rollen haben sich im Laufe der Zeit geprägt und gefunden – bis jeder in der Rolle angekommen war, die wirklich zu ihm passt. Aufgeteilt war allerdings schon immer, dass sich meine Schwester um flip*flop kümmert und ich mich um KangaROOS.
W+M: Auch das Unternehmen selbst hat sich in dieser Zeit stark verändert. Wie hast du das erlebt?
Julia Hummel: Wir haben wahnsinnig viel umstrukturiert, along the way. Das Unternehmen ist heute ganz anders aufgestellt als zu dem Zeitpunkt, als meine Schwester und ich eingestiegen sind. Früher haben wir von A bis Z alles selbst gemacht – Design, Produktentwicklung, Produktion, Vermarktung. Heute arbeiten wir mit Lizenzpartnern und konzentrieren uns auf das Lizenz- und Brandmanagement. Seit den Umstrukturierungen sind wir nur noch zwölf Leute, früher waren es bis zu 120. Dahinter stand auch die Frage: Was wollen wir eigentlich, und wo sind wir genau am richtigen Platz?
W+M: Was war dein größtes Learning in diesem Prozess?
Julia Hummel: Es mag abgedroschen klingen, weil man es so oft hört: dass man seinen eigenen Weg finden, aber auch gehen muss. Doch das ist für mich wirklich die Basis für alles. Ich konnte das nicht von heute auf morgen entscheiden. Es ist ein fortlaufender Prozess, in dem ich immer wieder nachjustieren muss – mit den Erfahrungen, die ich mache, und der Position, an der ich gerade im Leben stehe.
Ich musste akzeptieren, dass dieser Prozess Zeit braucht und weiter stattfindet. Und dass man sich erlauben darf und muss, eigene Wege zu gehen, auch wenn es einschneidend ist und sich andere Modelle in der Theorie vielleicht besser anhören. Schöner wäre es natürlich gewesen, beim Einstieg zu sagen: So wird es, das ist meine Rolle. Stattdessen zu merken, dass es doch nicht ganz meins ist und ich es anders machen muss, ist ein arbeitsintensiver Prozess.
„Man darf sich erlauben, eigene Wege zu gehen – auch wenn sich andere Modelle in der Theorie besser anhören.“
W+M: Inzwischen hast du ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen …
Julia Hummel: Ja, ich bin gerade in meiner neuen Tätigkeit als Immobilienmaklerin in St. Peter-Ording angekommen. Zu unserem Familienunternehmen gehört zwar auch eine Immobiliensparte, aber hat damit nichts zu tun. Ich arbeite als selbstständige Immobilienberaterin für eine etablierte Immobilienfirma. Für meinen kleinen Immobilienkanal auf Instagram mache ich jetzt neuerdings auch selbst Content, allerdings bisher ohne Planung und ohne Konzept, aber mit viel Spaß. Und auch da merke ich: Mein Ansatz ist, die Immobilie in den Mittelpunkt zu stellen – nicht mich selbst.
W+M: Was treibt dich als Unternehmerin jeden Tag an?
Julia Hummel: Eigentlich ganz einfach: Ich glaube, ich arbeite einfach gerne. Ich komme gern voran, mache gern etwas und unternehme vermutlich auch gern. Mich weiterzuentwickeln, mich herauszufordern, Neues zu sehen und zu erleben und Menschen kennenzulernen, fühlt sich für mich ganz natürlich an.
Und dann natürlich die Erfolgserlebnisse: Wenn etwas funktioniert, das man sich vorgenommen hat – egal ob klein oder groß – fühlt sich das einfach gut an. Genauso wie positives Feedback von Kolleginnen und Kollegen oder zufriedene Kundinnen und Kunden. Ich finde es oft schade, dass in der Diskussion um Work-Life-Balance dieses Erlebnis, gemeinsam etwas zu schaffen und umzusetzen, verloren geht oder in die falsche Ecke gerückt wird. In genau diesen Momenten füllt sich doch die Arbeit mit „Leben“.
W+M: Was rätst du Frauen, die vor der Entscheidung für die Nachfolge stehen und noch zögern?
Julia Hummel: Solange es Freude macht und man merkt, dass man nicht total abgeneigt ist: auf jeden Fall darauf zugehen, sich Schritt für Schritt hineinfühlen und sich die Zeit nehmen, das gut auszuloten. Und was ich gemerkt habe: Es ist viel leichter, wenn man sich ein stabiles Gerüst aufbaut, privat wie beruflich. Da sind wir beim Thema Netzwerk und Austausch. Das hätte ich in jüngeren Jahren, glaube ich, mehr und besser machen können. Damals war das aber auch noch nicht so ein Thema. Heute wird es einem leichter gemacht.
Dieser Austausch bringt einen immer wieder dazu zu sehen: Es gibt für alles eine Lösung. Ich bin nicht allein und muss auch nicht alles können. Ich kann es einfach wagen und mir Hilfe holen. Also: darauf zugehen, ein stabiles Gerüst aufbauen und sich trauen, Fragen zu stellen.
„Ich bin nicht allein und muss auch nicht alles können. Ich kann es einfach wagen und mir Hilfe holen.“
W+M: Wenn deine Personal Brand einen Claim hätte – wie würde er lauten?
Julia Hummel: Mein Credo ist wirklich, dass man sich zugestehen darf, seinen eigenen Weg zu gehen. Deshalb würde ich – aus dem Schuhbusiness kommend - den Claim wohl so formulieren: Geh deinen eigenen Weg – authentisch und in deinen Lieblingsschuhen, auch wenn die nicht überall bequem sind. Mach das, was zu dir passt. Das heißt für mich nicht, dass man es sich im gemachten Nest bequem macht oder nichts anderes wagt. Es darf ruhig auch mal unbequem werden.
Vielen Dank für das offene Gespräch, liebe Julia!
Weitere spannende Links:
Instagram:
@flipflip.originals | @flipflop_global | @kangaroos.official
Persönlich:
@juliabumblebee | Immobilienberatung SPO: @hummel.junker_und_partner
Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare