21.01.2026

"Tradition bewahren, Zukunft gestalten - auf meine Art" - wie Lea Baumbach mit ihrer Netzfabrik für Aufmerksamkeit sorgt

WORT+MARKE im Gespräch mit Lea Baumbach, Geschäftsführerin der Rudolf Baumbach GmbH in Lauterbach. In dritter Generation führt sie eine textile Netzfabrik mit 12 Mitarbeitenden – ein Nischenbetrieb, der weltweit gefragt ist. Für ihre Art, Nachfolge zu leben und weiterzuentwickeln, wurde sie mit dem Hessischen Gründerpreis in der Kategorie „Zukunftsfähige Nachfolge“ ausgezeichnet. Ein Gespräch über Bauchentscheidungen, Sichtbarkeit, Netzwerke und warum es keinen perfekten Zeitpunkt für die Nachfolge gibt.

 

WORT+MARKE: Lea, du bist seit 2018 im Unternehmen – mit damals 22 Jahren. Wann war für dich klar: Ich möchte das Unternehmen übernehmen und in die Zukunft führen?

Lea Baumbach: Einen Masterplan gab es ehrlich gesagt nicht. Ich wollte eigentlich in die Stadt, hatte dort sogar schon ein Angebot für ein duales Studium. Auf keinen Fall hierbleiben. Dann kam das Gespräch mit meinen Eltern – ziemlich kurzfristig. Am Ende war es eine Bauchentscheidung. Ich war neugierig, habe es mir damals sicher auch einfacher vorgestellt, als es ist. Aber ich bin unglaublich dankbar, dass ich diesen Weg gegangen bin, die Verantwortung übernommen habe und das Unternehmen an den Punkt bringen konnte, an dem es heute steht. Und ich freue mich auf alles, was noch kommt.

 

WORT+MARKE: Was war auf diesem Weg dein größtes Learning – oder deine größte Herausforderung?

Lea Baumbach: Ich wollte alles immer sehr schnell verändern. Prozesse, Strukturen, Sichtbarkeit. Und dann merkst du: Veränderung braucht Zeit. Man kann nicht von heute auf morgen alles so aufbauen, wie man es im Kopf hat. Man braucht Sparringspartner. Intern wie extern. Und es ist wichtig, immer wieder in die Kommunikation zu gehen: mit der älteren Generation, bei mir mit meinem Vater, aber auch mit den Mitarbeitenden.

Eine große Herausforderung für mich war der Standort. Lauterbach ist eine Kreisstadt mit rund 15.000 Einwohnern. Ich wollte immer weg. Irgendwann habe ich gemerkt: So, wie es war, macht es mich unglücklich. Ich hatte das Gefühl, nur wegen der Firma hier sein zu müssen. Vor zweieinhalb Jahren habe ich mir dann eine Wohnung in Frankfurt genommen – ich hatte dort ohnehin viele Freunde. Seitdem lebe ich ungefähr 50:50 an beiden Standorten. Das gibt mir wahnsinnig viel Kraft und Inspiration, die ich auch wieder ins Unternehmen trage.

Die Pinguin-Metapher 

 

WORT+MARKE: Was treibt dich heute täglich an?

Lea Baumbach: Ganz klar das Gestalterische. Ich habe vor kurzem so einen HBDI-Persönlichkeitstest gemacht – alles, was mit Kreativität, Kommunikation, Konzepten zu tun hat, gibt mir Energie. Analytische, sehr zahlenlastige Themen eher weniger. Mir hat jemand das Bild vom Pinguin geschenkt: An Land ist er langsam und tapsig, im Wasser ist er schnell und in seinem Element. Wir können zwar beides, aber es macht einen riesigen Unterschied, ob wir eher „an Land“ oder „im Wasser“ unterwegs sind.

Für mich bedeutet das: Ich will so arbeiten, dass ich meine Stärken lebe. Kreativität, Kommunikation, Gestaltung. Und mir intern Partner:innen suchen, die andere Seiten abdecken. Seit wir das so aufgestellt haben, freue ich mich noch mehr auf das Unternehmertum – auch auf die Freiheit, die es mit sich bringt. Zwischendurch mit meinem Hund rauszugehen und nicht 9-to-5 irgendwo festzusitzen. Das ist ein Privileg.

 

WORT+MARKE: Du wurdest mit dem Hessischen Gründerpreis in der Kategorie „Zukunftsfähige Nachfolge“ ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich – persönlich und fürs Unternehmen?

Lea Baumbach: Für mich persönlich bedeutet sie vor allem Sichtbarkeit und Wachstum. Ich bin nicht schüchtern, aber trotzdem war es ein großer Schritt, Pitches zu halten, vor Menschen zu stehen und unser Unternehmen zu präsentieren. Ich durfte merken: Ich sterbe nicht, wenn ich auf einer Bühne stehe (lacht). Im Gegenteil: Es liegt mir, und es macht mir Spaß. 

Für das Unternehmen ist es Sichtbarkeit auf mehreren Ebenen: überregional, regional, im Netzwerk des Hessischen Gründerpreises. Die lokalen Medien sind angesprungen, Print und online. Und das war für die Region hier ein großes Thema. Wenn ich jetzt unterwegs bin, freuen sich die Leute mit uns und gratulieren. Das tut auch der Arbeitgebermarke gut. Es ist für mich ein Auftrag, weiter zu zeigen, was wir unter zukunftsfähiger Nachfolge verstehen – auf meine Art.

 

WORT+MARKE: Hat diese Auszeichnung deine Perspektive auf Nachfolge verändert?

Lea Baumbach: Ja, schon. Ich hätte mir so etwas vor sieben Jahren, als ich eingestiegen bin, sehr gewünscht. Damals gab es noch nicht so viele Formate und Netzwerke rund um Nachfolge. Der Austausch hätte mir damals unglaublich geholfen: zu sehen, dass überall Struggles da sind, alle mal zweifeln und man sich gegenseitig unterstützen kann.

Jetzt ist es dafür umso schöner: Ich kann an der einen oder anderen Stelle vielleicht schon unterstützen, weil ich bestimmte Themen schon erlebt habe. Gleichzeitig darf ich mir selbst weiterhin Unterstützung holen. Im Freundeskreis versteht nicht jede:r die speziellen Herausforderungen in einem Familienunternehmen. Im Netzwerk des Gründerpreises treffe ich Menschen, die ähnliche Themen haben. Das macht das Thema Nachfolge für mich noch moderner und vielfältiger.

 

WORT+MARKE: Lass uns über Sichtbarkeit sprechen. Was bedeutet Sichtbarkeit für dich persönlich?

Lea Baumbach: Sichtbarkeit bedeutet für mich, unsere Werte und unsere Individualität zu zeigen und genau damit in Verbindung und Austausch zu kommen. Mit Menschen und Unternehmen, die ähnlich ticken, aber auch mit solchen, die einen komplett anderen Ansatz haben. Gerade im Mittelstand und in der Nachfolge ist Austausch aus meiner Sicht das wichtigste „Tool“, das wir haben – auch, weil sich Vertrieb und Kundenkontakte verändern. Sichtbarkeit ist für mich am Ende Verbindung.

 

WORT+MARKE: Gab es einen Moment, in dem du dich bewusst für mehr Sichtbarkeit entschieden hast?

Lea Baumbach: Ja, den gab es und der hatte viel mit LinkedIn zu tun. Ich war vorher eher anti-LinkedIn. Dann habe ich meinen ersten Post gemacht – der ist direkt viral gegangen. Plötzlich sind Verbindungen entstanden, die es sonst nie gegeben hätte. Unter anderem auch die Verbindung zu dir, Andrea – und jetzt sitzen wir hier. (lacht)

Vorher hatte ich schon Instagram genutzt, privat mag ich Instagram auch lieber. Aber für uns als Unternehmen ist ganz klar: LinkedIn ist die richtige Plattform. Der Hessische Gründerpreis hat das Ganze dann noch einmal verstärkt – durch Posts, Reposts, die gesamte Berichterstattung. Da ist unglaublich viel passiert.

Die innere Entscheidung dahinter war: Wir haben in den letzten Jahren im Unternehmen eine wirklich gute Basis geschaffen. Jetzt fühle ich mich wohl damit, in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich wollte erst intern Strukturen und Kultur bauen, bevor ich das nach außen trage. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir stolz zeigen wollen, was wir geschaffen haben.

 

WORT+MARKE: Welche Kanäle nutzt du heute am liebsten – wo würdest du gerne noch sichtbarer werden?

Lea Baumbach: Aktuell ganz klar: LinkedIn. Da sind wir als Unternehmen schon gut unterwegs. Instagram bleibt für mich eher privat – für unser Business ist es einfach nicht der ideale Kanal.

Spannend finde ich alles, was darüber hinausgeht: Fernsehen zum Beispiel. Ich war nach dem Gründerpreis beim Hessischen Rundfunk – das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Davon könnte ich mir definitiv mehr vorstellen. Podcasts finde ich auch großartig. Und wenn man mal groß denkt: Eine Kolumne in einem Magazin oder einer Zeitung über Nachfolge oder Unternehmertum. Das fände ich richtig cool. Printmedien haben für mich immer noch ihren Reiz.

“Sichtbarkeit, in welcher Form auch immer, wird ein entscheidender Faktor.”

 

WORT+MARKE: Warum ist Sichtbarkeit – gerade für Nachfolgerinnen – aus deiner Sicht wichtig?

Lea Baumbach: Ich glaube, Sichtbarkeit ist heute keine Kür mehr, sondern eine Notwendigkeit, wenn man ein Unternehmen langfristig in die Zukunft führen möchte. Fangen wir beim Thema Arbeitgeberattraktivität an: Menschen informieren sich online, wollen sehen, wie ein Unternehmen aufgestellt ist und ob sie sich damit identifizieren können. Für große Marken wie Google oder Microsoft ist das selbstverständlich. Aber auch kleine und mittelständische Unternehmen dürfen sich eine starke Marke aufbauen – so, dass potenzielle Mitarbeitende sagen: „Da will ich arbeiten, das ist spannend.“

Dazu kommt: Vertrieb verändert sich. Sichtbarkeit, in welcher Form auch immer, wird ein entscheidender Faktor. Es geht darum, nicht in Vergessenheit zu geraten, sondern bewusst wahrgenommen zu werden: als Arbeitgeberin, als Partnerin, als Anbieterin.

 

WORT+MARKE: Wie wirkt sich deine Sichtbarkeit konkret aus – auf das Unternehmen, die Mitarbeitenden und dich selbst?

Lea Baumbach: Bei mir persönlich fängt es damit an, dass ich ein anderes Feedback bekomme. Ich finde das, was ich mache, schon cool – aber man ist ja oft sehr bescheiden. Durch die Sichtbarkeit habe ich gespiegelt bekommen, wie spannend andere unsere Ansätze finden. Für mich ist das normal, ich lebe so. Es ist aber eben nicht in jedem Unternehmen Standard. Dieser Austausch schenkt mir Energie. Er zeigt mir auch: Ich mache Fehler, es läuft nicht immer so, wie ich will. Und trotzdem ist das, was wir tun, ziemlich gut.

Für die Mitarbeitenden war es ebenfalls ein Riesenthema. Sie haben beim Gründerpreis mitgefiebert, sind stolz, in einem ausgezeichneten Unternehmen zu arbeiten und werden darauf angesprochen. Unsere Produktionsmanagerin hat zum Beispiel angefangen, selbst bei LinkedIn zu posten – vor allem zu technischen Themen. Viel regelmäßiger als ich (lacht).

Auf Unternehmensseite war es unglaublich: Wir haben viele Initiativbewerbungen bekommen, obwohl wir gar keine Stelle ausgeschrieben hatten. Es haben sich neue Partnerschaften mit anderen Mittelständlern ergeben – und auch auf Kundenseite hat LinkedIn Türen geöffnet, die vorher zu waren.

 

WORT+MARKE: Was rätst du anderen Nachfolgerinnen, die noch zögern – sowohl die Nachfolge anzutreten als auch selbst sichtbarer zu werden?

Lea Baumbach: Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt, um Nachfolge anzutreten. Man sollte eine Entscheidung treffen, auch wenn vielleicht nicht alle Gegebenheiten ideal sind. Nachfolge und ihre Sichtbarkeit sind viel präsenter als noch vor ein paar Jahren – auch, weil es volkswirtschaftlich relevant ist, dass diese Unternehmen nicht wegfallen. Der Mittelstand ist ein wichtiges Fundament in Deutschland. Deshalb ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sich für Nachfolge und die Sichtbarkeit innerhalb der Nachfolge zu entscheiden.

Wichtig finde ich: sich vernetzen, sich austauschen und Durchhaltevermögen mitbringen. Am Anfang kann vieles frustrierend sein – Strukturen, die nicht zu den eigenen Vorstellungen passen, langsame Veränderung. Aber Schritt für Schritt wird es zu dem, was man im Kopf hat. Kreativität und Gestaltungslust helfen dabei. Zu hören „Bei uns war das auch so, schau mal, wo wir heute stehen“ – das macht Mut.

 

WORT+MARKE: Muss eine Nachfolgerin aus deiner Sicht als Person sichtbar sein?

Lea Baumbach: Ich glaube nicht, dass jede Nachfolgerin als Person sichtbar sein muss. Das Unternehmen sollte sichtbar sein. Es gibt Menschen, denen Sichtbarkeit Energie zieht, die daran keinen Spaß haben oder nicht gut darin sind. Ich finde nicht, dass man diese Menschen ins Personal Branding „reinpressen“ muss.

Aber: Irgendwer im Unternehmen sollte Sichtbarkeit übernehmen. Vielleicht gibt es Mitarbeitende, die Lust darauf haben und das Unternehmen authentisch repräsentieren. Entscheidend ist, dass das Unternehmen an sich sichtbar wird – auf eine Weise, die zu den Menschen passt.

 

WORT+MARKE: Welche eine Sache hat deine Sichtbarkeit am meisten verändert?

Lea Baumbach: Am meisten verändert hat sie meine Perspektive auf unsere Zukunftsfähigkeit. Sichtbarkeit gehört für mich zur Zukunft dazu – sie ist kein nice-to-have mehr. Wir planen heute anders, auch in unseren Jahreszielgesprächen. Wir nehmen diesen „Boom“ an Sichtbarkeit bewusst mit, nehmen uns selbst anders wahr und werden auch anders wahrgenommen. Das ist ein riesiger Gewinn.

 

WORT+MARKE: Wenn deine Personal Brand einen Claim hätte – wie würde er lauten?

Lea Baumbach: Das ist eine interessante Frage. Aber ich würde sagen: „Tradition bewahren, Zukunft gestalten – auf meine Art.“

 

WORT+MARKE: Der Claim passt perfekt zu dir. Vielen Dank, Lea, für deine Offenheit, deine Klarheit und deine Art, Nachfolge sichtbar zu machen. 

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