16.09.2026

„In dieser Situation auf dem Hof hat sich mein Körper voll Stolz gefüllt.“

Ein Interview über Sichtbarkeit mit Mehrwert, den Moment auf dem Hof – und warum Durchstarten manchmal der richtige Weg ist. 

Lisa Marie Höcker führt seit Januar 2026 in dritter Generation gemeinsam mit ihrem Vater und einem weiteren Geschäftsführer die Höcker Polytechnik GmbH – ein Unternehmen, dessen Anlagen im besten Fall niemand bemerkt und trotzdem jeder kennt. Absaug- und Filtertechnik arbeitet leise im Hintergrund. Umso spannender ist die Frage, was Sichtbarkeit für Lisa bedeutet. Sie kommt aus dem Marketing und plötzlich steht sie selbst vor der eigenen Marke. Im Interview mit WORT+MARKE spricht sie über den Moment, der ihre Entscheidung besiegelt hat, über Selbstzweifel, die von innen kamen – und ihre Passion, die sie jeden Tag ins Unternehmen trägt.  

W+M: Lisa, du kommst aus dem Marketing, Sichtbarkeit gehört somit zu deinem Fachgebiet. Wie ist es, plötzlich selbst vor der eigenen Marke zu stehen? 

Lisa Marie Höcker: Ehrlich gesagt ist es ein bisschen beängstigend. Das klingt hart, aber natürlich macht man sich Gedanken, wenn man als Person plötzlich noch sichtbarer wird. Und das sehe ich gar nicht nur auf LinkedIn oder Social Media. Man ist ja auch im Alltag sehr sichtbar – als Person, als Unternehmerin, als Nachfolgerin eines Familienunternehmens. 

»Plötzlich vermischt sich das Berufliche mit der privaten Person. Daran musste ich mich am Anfang erst einmal gewöhnen.« 

 

Man muss lernen, wie man damit umgeht, und für sich Grenzen festlegen: Bis wohin lasse ich privates Interesse zu? Wie weit möchte ich Menschen an meinem privaten Leben teilhaben lassen? Da muss man reinwachsen. Aber es funktioniert, wenn man selbstreflektiert rangeht und sich klare Grenzen setzt. 

W+M: Und was hat sich für dich am meisten verändert? 

Lisa Marie Höcker: Als Person plötzlich erkannt zu werden. Dass Menschen wissen, wer ich bin, bevor ich weiß, wer sie sind. Hinzu kommt, dass ich ein lausiges Namens- und Gesichtsgedächtnis habe. Das bringt mich manchmal in Verlegenheit. Aber dann bin ich einfach ehrlich und authentisch bleiben und sagen: „Sorry, ich kriege es gerade nicht zusammen. Woher kennen wir uns?“  

W+M: Gab es einen Moment, in dem du entschieden hast: Ich muss jetzt in die Sichtbarkeit? 

Lisa Marie Höcker: Ich habe selten DIESEN einen Moment. Wie so vieles war das ein Prozess, der sich sukzessive entwickelt hat. Wir haben uns angeschaut, wie das bei anderen Unternehmerinnen und Unternehmern funktioniert, wir haben uns den Wettbewerb angesehen. Und festgestellt: Das kann für uns ein echter Vorteil sein. 

Viel passiert dabei einfach übers Netzwerken, über neue Menschen. Als Person und als Unternehmen sichtbar zu werden, öffnet neue Chancen.  

»Mir geht es darum, mit Content präsent zu sein, der anderen Menschen einen Mehrwert bietet und nicht einfach nur, um sichtbar zu sein.« 

 

W+M: Würdest du sagen: Als Unternehmerin und Nachfolgerin muss man heute sichtbar sein? 

Lisa Marie Höcker: Damit fühlen sich Menschen, die sich damit gar nicht wohlfühlen, schnell unter Druck gesetzt und haben das Gefühl, sie müssten etwas sein, was sie nicht sind. Also nein. Wenn du dich als Person damit wohlfühlst, dann kann das für das Unternehmen gut sein. Wenn ich mich aber zu hundert Prozent verstellen müsste und eine Rolle spielen würde, die gar nicht zu mir passt, dann funktioniert es auch nicht. Jedes Unternehmen ist anders, jede Branche, jede Person. 

W+M: Wie wirkt sich deine persönliche Sichtbarkeit heute konkret aus und welche Kanäle nutzt du am liebsten? 

Lisa Marie Höcker: Gerade im Arbeitgebermarketing merken wir, dass meine Sichtbarkeit ein Gewinn ist. Wir hatten beispielsweise gerade eine Stelle im Marketingbereich ausgeschrieben. 90 bis 95 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber, mit denen ich gesprochen habe, haben den Job über mein LinkedIn Profil gesehen – und sich beworben.  

Genauso ist es mit Anfragen für Vorträge oder Presseberichte. Offline halte ich gute Branchenmagazine nach wie vor für wichtig, und im Arbeitgebermarketing regionale Zeitungen, aber nicht in Form von Anzeigen, sondern mit inhaltsreichen Beiträgen. 

Und natürlich sind Netzwerke für mich zentral: Menschen kennenlernen, einen Vortrag halten, an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, sich regional engagieren. Sich wirklich die Zeit nehmen, in die Diskussion zu gehen und Menschen an dem eigenen Wissen und den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen. 

W+M: Ihr baut Anlagen, die im besten Fall niemand bemerkt. Was bedeutet Sichtbarkeit für ein Unternehmen, dessen Produkt im Hintergrund arbeitet? 

Lisa Marie Höcker: Das ist genau die Frage, die man sich stellt: Wofür wollen wir sichtbar sein? Einerseits willst du gar nicht auffallen. Andererseits willst du Verlässlichkeit ausstrahlen und als der verlässliche Partner wahrgenommen werden, der schnell reagiert und bei Problemen sofort hilft, egal wo auf der Welt der Kunde sich befindet. Wenn bei uns eine Filter- und Absauganlage in einer Produktion steht, dann steht die ganze Produktion. 

Wir sind sehr begeistert von dem, was wir tun. Und das Ziel muss sein, dass genau diese Begeisterung für Innovation, für Technik und für Lösungen, die perfekt zum Kunden passen, vom Kunden wahrgenommen werden. 

W+M: Kommen wir damit nochmal zu deiner eigenen Nachfolge. Wann war für dich der Moment, in dem du wusstest: Ich möchte die Nachfolge annehmen? 

Lisa Marie Höcker: Auch hier gab es nicht dieses „Zack, das ist der eine Moment“. Es ist schleichend passiert. Dass unser Nachfolgeprozess über Jahre strukturiert angelegt war, hat mir sehr geholfen. Und dann kam das Emotionale dazu, das mich gecatcht hat. Je mehr ich das Unternehmen kennengelernt habe, die Prozesse, die Produkte, die Menschen, desto klarer wurde die Entscheidung für mich. 

Ich erinnere mich an eine Situation: Wir haben damals einen Imagefilm gedreht, und zur Vorbereitung habe ich mir viele Gedanken über das Unternehmen gemacht. Und dann bin ich hier über den Hof gelaufen – daran erinnere ich mich wirklich, weil mich das emotional total berührt hat. All diese Menschen, die hier arbeiten. All die Anlagen, die hier stehen. Das hat mein Opa damals gegründet, mein Vater hat es größer gemacht. Dieses Gefühl von Stolz hat mich final in die hundertprozentige Entscheidung getragen. 

W+M: Was war dein größtes Learning beim Generationenwechsel? 

Lisa Marie Höcker: Einfach mal zuhören. (lacht) Ich bin jemand, der schnell eine Idee hat und dann sofort in Tatendrang umschwingt. Das überrennt Menschen manchmal. Sich stattdessen die Zeit zu nehmen, wirklich dazusitzen und zuzuhören, sich alle Informationen anzueignen und dann in Ruhe zu entscheiden, statt die eigene Unruhe innerlich zuzulassen – das konnte ich mir bei meinem Vater sehr gut abschauen.  

Und das Zweite: die persönliche Sichtbarkeit im echten Offline-Leben. Darauf wäre ich gerne ein bisschen besser vorbereitet gewesen. 

W+M: Anlagenbau, dritte Generation, über 300 Mitarbeitende – und du kommst jung dazu und sprudelst vor Ideen. Wie hat das funktioniert, in der Branche aufgenommen zu werden? 

Lisa Marie Höcker: Ich hatte ehrlich gesagt nie das Gefühl, nicht aufgenommen zu werden. Natürlich guckt manchmal jemand skeptisch, aber das ist völlig normal. Im Nachhinein betrachtet lagen die Unsicherheiten eher in mir selbst. 

Was mir geholfen hat: mir Menschen zu suchen, mit denen ich ganz offen darüber reden kann und die mir ehrliches Feedback geben. Denn wenn du in dieser Rolle bist, wird es irgendwann schwierig, Leute zu haben, die dir gegenüber auch Kritik äußern. Das ist allerdings total wichtig. 

Und natürlich ein Coach, der unseren Nachfolgeprozess begleitet hat und gleichzeitig auch persönliches Coaching – etwa zu der Frage: „Wenn Sichtbarkeit mir Angst macht, wie gehe ich damit um?“  

W+M:  Was treibt dich täglich in deiner Rolle an? 

Lisa Marie Höcker: Ich habe einfach wirklich viel Spaß an meiner Arbeit. Ich liebe das, was wir tun, ich liebe das Unternehmen und die Menschen, die hier arbeiten. Jeder Tag ist komplett anders. Ich habe in den letzten sieben Jahren fast jeden Tag meine Komfortzone verlassen und fast jeden Tag etwas Neues dazugelernt. Das ist anstrengend und gleichzeitig macht es wahnsinnig viel Spaß.  

Ich sehe für uns eine tolle Chance darin, unsere Stärken und Kernkompetenzen mit unserer Tradition, unserem innovationsgetriebenen Blick sowie unserer Offenheit für Neues zu verbinden. Gerade jetzt sind wir zwei Generationen in der Geschäftsführung – und ein Geschäftsführer mit dem familienexternen Blick. Das Vorherige zu ehren und weiterzuentwickeln und gleichzeitig neue Einflüsse zu integrieren – das treibt mich an. 

W+M: Du sprichst von eurem innovationsgetriebenen Blick und ich weiß aus unseren Gesprächen, dass Künstliche Intelligenz für dich eine große Rolle spielt – was ist aus deiner Sicht gerade das Wichtigste für den industriellen Mittelstand? 

Lisa Marie Höcker: Prozesse so zu optimieren, dass sich unsere Mitarbeitenden auf die Themen konzentrieren können, wo ihr Wissen wirklich gebraucht wird. Monotone, wiederholende Tätigkeiten kann man automatisieren, damit man das Können dort einsetzt, wo es tatsächlich zählt. 

Viele Unternehmen verfolgen den Ansatz, erst einmal komplette Strategien aufzustellen und alles ins Detail zu analysieren. In Bezug auf Künstliche Intelligenz, im Umgang mit Daten. Das haben wir am Anfang auch gemacht und dann lag ein Projekt drei Jahre lang brach. Ein Ziel vor Augen haben, definitiv. Aber wir haben durch kleine Projekte unglaublich viel über uns selbst und KI gelernt, über unsere Daten und darüber, welche Leute im Team Talente haben, die wir fördern können. 

»Wir kommen schnell in erste Doings. Das zahlt sich aus!« 

 

W+M: Was würdest du anderen Nachfolgerinnen raten, die noch zögern das Erbe anzunehmen? 

Lisa Marie Höcker: Mit anderen sprechen, die den Weg schon gegangen sind. Natürlich ist jede Nachfolge komplett individuell, das lässt sich nicht vergleichen, aber der Austausch ist trotzdem sehr hilfreich. Und dann einfach mal ins Unternehmen gehen, es näher kennenlernen, ausprobieren: den Job, die Menschen, die Prozesse. 

Aber nach einer gewissen Zeit sollte man dann auch wirklich die Entscheidung treffen und sagen: Ich will es. Denn das ist eine verbindliche Entscheidung gegenüber dem Vater oder der Mutter, aber auch gegenüber dem Unternehmen, der Region, der Belegschaft. Es ist eine Entscheidung, die gewissenhaft, verbindlich und ehrlich getroffen werden sollte. 

W+M: Wenn deine Personal Brand einen Claim hätte, wie würde er lauten? 

Lisa Marie Höcker: Das ist schwierig. Für mich ist ein Claim etwas, mit dem man Werbung macht. Ich würde euch mein Lebensmotto verraten, aber damit kann ich keine Werbung machen. 

W+M: Warum nicht, wie lautet es?  

Lisa Marie Höcker: Ja, aber zu meinen Bedingungen.   

W+M: Das ist auf jeden Fall eine ehrliche und vor allem sehr gesunde Einstellung, die dir sicher in vielen Situationen hilft. Jetzt kennen wir uns ja schon eine Zeit. Wir finden, dass ein super Lisa Claim wäre: 

Let’s do it the modern way. 

 W+M: Vielen Dank für das offene und inspirierende Gespräch, liebe Lisa und herzliche Grüße nach Hilter am Teutoburger Wald. 


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