„Im Handwerk steckt unglaublich viel sinnerfüllte Arbeit"
Zwei Schwestern, zwei Nachfolgerinnen, zwei Unternehmerinnen, ein Wirkungs-Duo: Romina und Olivia Haller. Gemeinsam haben sie die Nachfolge von Haller Raumgestaltung im schwäbischen Sattelbach angetreten und führen das traditionsreiche Handwerksunternehmen mit 60 Mitarbeitenden in die Zukunft. Was sie antreibt, wie sie als Schwestern und Geschäftsführerinnen miteinander umgehen und warum Sichtbarkeit echte Wirkung erzielt – das verraten sie im Interview mit WORT+MARKE.
WORT+MARKE: Was bedeutet Sichtbarkeit für euch – als Unternehmerinnen und als Duo?
Olivia Haller: Für mich bedeutet Sichtbarkeit, den Kern des Unternehmens – das Miteinander, die Kultur, das, was uns ausmacht – nach außen zu transportieren. Und gleichzeitig das Wirkungsfeld zu erweitern: Dinge entstehen zu lassen, die im ersten Moment noch gar nicht denkbar sind.
Wir treten dabei als Einzelpersönlichkeiten auf – jede mit ihrem eigenen Themenschwerpunkt – und gleichzeitig auch gemeinsam. Wir sind halt beide in der Geschäftsführung, da überschneidet sich vieles ganz natürlich. Sowohl als auch, würde ich sagen.
WORT+MARKE: Gab es den einen Moment, in dem ihr gesagt habt: Jetzt muss das mehr werden?
Olivia Haller: Einen Moment gab es nicht – eher viele kleine. Bekannte und Kunden haben uns immer wieder gespiegelt, dass das, was wir für selbstverständlich hielten, für andere etwas Besonderes ist. Und dann haben wir auch gemerkt: In unserem Feld, also Frauen in der Handwerksnachfolge, gibt es kaum Vorbilder. Das war ein klarer Impuls. Wir wollen sichtbar sein, damit andere sehen, dass sie nicht allein sind.
Romina Haller: Der konkrete Wendepunkt war dann Q4 letzten Jahres. Bis dahin lief LinkedIn so nebenher. Dann haben wir gesagt: Wir strukturieren das. Klare Ziele, ein bis zwei Posts pro Woche, beide gemeinsam. Und das hat sofort einen Unterschied gemacht. Mittlerweile sind Podcasts, Panels und so weiter quasi von selbst dazugekommen.
WORT+MARKE: Gibt es noch weitere Kanäle, die ihr nutzt – und habt ihr dabei unterschiedliche Stärken?
Olivia Haller: Wir bespielen viel: LinkedIn, die Website, Pressetexte, Awards, Print. Mein Steckenpferd sind Kommunikation und Design – ich komme ja aus der Richtung. Romina bringt da eher das strategische Verständnis mit, sieht schnell, was Wirkung hat und was nicht. Das greift gut ineinander.
WORT+MARKE: Ist Sichtbarkeit für euch Pflicht oder Leidenschaft?
Romina Haller: Beides – aber ich würde sagen: Man braucht eine echte Freude daran. Sonst wird es mühsam, weil da wirklich Energie und Zeit reinfließen. Wer das nicht aus sich heraus will, sollte es lieber lassen. Aber wer Freude daran hat – für den entstehen Dinge, die man sich vorher nicht vorstellen konnte.
Olivia Haller: Für uns hat sich das zum Beispiel ganz konkret auf die Mitarbeitergewinnung ausgewirkt: Ich habe einen Kandidaten auf LinkedIn angeschrieben, den wir sonst nie gefunden hätten. Wir haben heute den Vertrag unterzeichnet. Er hat gesagt, er hat unsere Profile angeschaut und gemerkt: Das ist ein Unternehmen, das Leadership ernst nimmt, das innovativ denkt. So entstehen schnellere, bessere Matches.
WORT+MARKE: Wann war für euch klar: Wir gehen in die Nachfolge – und wir machen das gemeinsam?
Olivia Haller: Lange gar nicht. Romina und ich haben immer gesagt: Wir machen unser eigenes Ding, mit dem wir Freude haben. Wir haben viele Optionen gesehen und viele ausgeschlossen. Nach dem Studium – Romina hatte gerade ihren Master abgeschlossen, ich den Bachelor – stand dann die Frage im Raum: Wo können wir unsere Stärken wirklich einbringen?
Romina Haller: Wir haben uns für einen halbjährigen Testlauf entschieden. Nicht, dass wir irgendwann in der Midlife-Crisis dasitzen und denken: Hätten wir die Chance damals doch ergriffen. Und dann haben wir von Projekt zu Projekt gemerkt, dass wir angekommen sind. Markenredesign, Softwareumstellung, Digitalisierung, Bewerbermanagement – wir bewegen uns von einem ins andere. Fünf Jahre Vollzeit später sind wir beide in der Geschäftsführung.
WORT+MARKE: Ihr habt sehr unterschiedliche Ausbildungen. Wie ergänzt ihr euch im Alltag?
Olivia Haller: Wir haben sehr gut nach Stärken aufgeteilt. Während Romina am liebsten nie mehr eine Datei in InDesign öffnen möchte, ist sie die, die bei Zahlen, Buchhaltung, steuerlichen Themen absolut sattelfest ist und einen ruhigen Kopf bewahrt. Ich bringe das gestalterische, kommunikative Denken mit. So hat jede ihre Entscheidungshoheit und Stärken im Alltag integriert und die Themen können Hand in Hand laufen.
Was ich daran am meisten schätze: Wir sind füreinander Sparringpartnerinnen. Es gibt Tiefphasen, da ist die andere gerade im Hoch und zieht die andere mit. Gerade am Anfang war das extrem wertvoll – dieses: ‚Habe ich das jetzt richtig eingeschätzt? Habe ich meine Führungsrolle richtig eingenommen?' Das ist nicht selbstverständlich.
Romina Haller: Das kann ich nur unterstreichen. Olivia bringt den grafischen, gestalterischen Blick mit – ich die strategisch-wirtschaftliche Ausrichtung, aus dem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften und dem Master in Wirtschaftspädagogik. Das hilft mir besonders bei Führung, Personal, Mitarbeitenden. Und trotzdem sind wir durch unsere Coaching-Ausbildungen ständig im Austausch, geben uns gegenseitig Feedback und challengen uns. Gerade bei Marketingthemen machen wir immer wieder einen Gegen-Check: Ich habe dann die neutrale Position und sage, mir gefällt das, ich möchte es so. Und Olivia hat die Qualität, es genauso umzusetzen.
WORT+MARKE: Geschwister-Duos in der Führung sind selten. Was braucht es, damit das funktioniert?
Romina Haller: Bewusstsein für die verschiedenen Ebenen: die persönliche, die unternehmerische, die Schwesterebene. Wir haben im Nachfolgeprozess systemisch daran gearbeitet, das zu trennen – zumindest im Kopf zu halten, auf welcher Ebene wir gerade sprechen.
Olivia Haller: Zum Beispiel beim Mittagessen: Wir starten familiär, dann kommen die wichtigsten geschäftlichen Themen. Und wenn am Wochenende eine Idee kommt, sagen wir explizit: Achtung, jetzt unternehmerisch. Das klingt formell, aber es gibt einfach jedem Bereich seinen Raum. Das hat enorm geholfen.
WORT+MARKE: Ihr habt keinen Meistertitel – und führt trotzdem ein Handwerksunternehmen mit 60 Mitarbeitenden. Wie wurdet ihr aufgenommen?
Romina Haller: Am Anfang gab es natürlich diesen Moment: Jetzt kommen die Studierten. Das ist klar. Aber was uns wirklich geholfen hat, war die Softwareumstellung kurz nach unserem Start. Die Entscheidung hatte unser Vater getroffen, aber die Umsetzung lag plötzlich bei uns. Wir haben morgens um 6 angefangen und abends um 7, 8 Uhr aufgehört. Uns war es ein großes Anliegen wirklich jeden Prozess mitzunehmen.
Das macht man nicht, wenn man keine langfristigen Ambitionen hat. Das hat jeder im Team gesehen. Und von Projekt zu Projekt hat sich das bestätigt – wir waren nie nur zum Probieren da.
WORT+MARKE: Was braucht das Handwerk der Zukunft – mehr Meister:innen oder mehr Menschen wie euch?
Olivia Haller: Beides. Das ist kein Entweder-oder. Akademisch und berufsbildend muss Hand in Hand gehen – jeder sollte das machen, wofür er gemacht ist. Im Handwerk steckt unglaublich viel sinnerfüllte Arbeit. Das wird häufig unterschätzt.
Wir haben aktuell neun Meister:innen im Team – also die handwerkliche Expertise ist da, sehr stark sogar. Aber was das Handwerk nicht verpassen darf: KI, Digitalisierung, all diese Themen. Nicht um die Tradition aufzugeben, sondern um mehr Zeit für das zu gewinnen, was wir eigentlich lieben: die persönlichen Kontakte, das echte Gespräch mit dem Kunden, das Verstehen – was passt zu dieser Person, zu diesem Raum?
Wenn wir durch bessere Prozesse im Verwaltungsbereich Zeit gewinnen für genau das, dann wäre das schon sehr zukunftsweisend.
Romina Haller: Absolut und gleichzeitig brauchen wir aus meiner Perspektive auch einen gesellschaftlichen Wandel. Und der sollte früh beginnen. Bei den Eltern, die ihre Kinder darin bestärken, ihre echten Fähigkeiten und Talente zu leben. Dann in den Schulen. Wir können nicht alles dorthin delegieren, aber das Handwerk braucht einen festen Platz im Unterricht. Deshalb bin ich selbst viel an Schulen unterwegs, um aufzuklären. Wenn wir gesellschaftlich schaffen, dem Handwerk die Anerkennung zu geben, die es verdient, haben wir viele andere Themen gleich mitgelöst.
WORT+MARKE: Was war euer größtes Learning beim Generationenwechsel?
Olivia Haller: Dass so viele Augen bei einem liegen – das war mir nicht bewusst. Und dass einen das unterbewusst manchmal hemmt. Mein wichtigstes Learning: Nicht so viele Gedanken machen, was andere denken. Straighter den eigenen Weg gehen. Das darf man sich früher erlauben.
Romina Haller: Für mich war das größte Learning zu verstehen, wann wir in welcher Rolle auf welcher Ebene kommunizieren. Wir hatten eine Begleitung mit der Resonanz-Kultur-Theorie und haben gelernt, drei Ebenen zu unterscheiden: Wer bin ich als Person? Wer sind wir als Familie, ohne Unternehmen? Und wer bin ich als Geschäftsführerin? Diese Einteilung hat uns unglaublich viel Freiheit gegeben und wir konnten Konflikte besser einordnen.
WORT+MARKE: Was ratet ihr anderen Nachfolgerinnen – die noch zögern, die Nachfolge anzutreten, als Duo zu starten oder sichtbar zu werden?
Olivia Haller: Loslegen. Das gilt für alles. Für die Sichtbarkeit hilft es, klein zu starten, aber einen Plan zu haben. Und für die Nachfolge: Einfach ausprobieren. Ist das ein Unternehmen, wo ich mich wohlfühle? Sind das Tätigkeiten, mit denen ich mich identifizieren kann? Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut. Step by step, mutig rausgehen – und schauen, was entsteht.
WORT+MARKE: Wenn eure persönliche Marke einen Claim hätte – wie würde er lauten?
Romina Haller: Power, Action, Go for it – kombiniert mit Mut. Ich bin überzeugt: Wenn Menschen mutiger zu sich selbst stehen, mutiger für ihre Ideen einstehen und aufhören, sich zu fragen, was andere denken, bringen wir Dinge viel schneller auf die Straße.
Olivia Haller: Introvertiert führen, mit Herz und Empathie. Und so eine erfolgreiche Führungskultur etablieren. Introversion ist dabei eine Stärke, die ich bewusst einbringe.
WORT+MARKE: Und euer gemeinsamer Claim als Duo?
Olivia Haller: Darf ich?
Romina Haller: Klar, ich bin gespannt.
Olivia Haller: Zwei Schwestern, die mit Leidenschaft und Freude Raumgestaltung neu definieren.
Romina Haller: Das trifft es gut – ich würde noch Unternehmertum und Mut ergänzen. Neue Visionen denken, aber vor allem umsetzen. Klassisch wie im Handwerk: anpacken. Diese umsetzende Schaffungskraft ist fest in unserer Firmen-DNA verankert – wir lieben es, Dinge wirklich zu tun und sichtbar werden zu lassen.
WORT+MARKE: WOW – das ist ein Abschluss auf den Punkt. Danke euch beiden, für die Zeit, eure Offenheit und für euer Engagement für eine so wichtige Berufsgruppe – das Handwerk!
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